Ein Small Business Act für Europa
Unsere Vielfalt zu einem Wettbewerbsvorteil machen

Wirtschaft sucht Geschäftsmodell
Das Motto Europas lautet „In Vielfalt geeint“. Leider hat unsere europäische Wirtschaft zwar „Vielfalt“, aber sie ist keineswegs „geeint“ - stattdessen gibt es 27 Märkte mit eigenen Regeln und Vorschriften. Noch schlimmer: Unser Binnenmarkt ist weder grenzenlos wie in den Vereinigten Staaten, wo Unicorns allein durch die schiere Größe entstehen, noch staatlich gesteuert wie in China, wo nationale Champions mit öffentlichen Mitteln gefördert werden. Beide Blöcke haben eine wirtschaftliche Agenda. Europa scheint planlos.
Das zeigt sich auch darin, dass die Europäische Kommission zwar in Rekordtempo reguliert, die erlassenen Gesetze aber selten in ein größeres, kohärentes Bild passen. Im Gegenteil: Wo chirurgische Präzision gefragt wäre, entspricht die EU-Regulierung oft einem Baseballschläger, der die Bürokratielast für KMUs erhöht - immerhin das Rückgrat unserer Wirtschaft, dass die meisten Arbeitsplätze sichert und einen erheblichen Teil der Sozialhaushalte finanziert.
Andere globale Blöcke verstehen die Bedeutung von KMUs. Der US-amerikanische Small Business Act reserviert seit 1953 23 % der öffentlichen Aufträge für KMUs, um deren Lösungen zu kommerzialisieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Die Europäische Kommission zog 2008 nach und schlug unseren eigenen Small Business Act vor. Allerdings völlig ohne Substanz, enthielt dieser doch nur unverbindliche Empfehlungen, dass nationale Regelungen keine negativen Auswirkungen auf KMU haben sollten. Solche Nebelkerzen reichen heute nicht mehr aus.
Insbesondere, da das italienische IEP und das deutsche IFO kürzlich eine Studie veröffentlicht haben, die zeigt, dass große Industrieunternehmen in allen Mitgliedstaaten den Löwenanteil der EU-Forschungsmittel abschöpfen, ohne bedeutende Innovationen zu liefern. KMU erhielten im Vergleich nur Krümel, waren aber die wahren Innovatoren. Das bedeutet: Die EU-Förderung für Forschung und Innovation ebnet nicht den Weg für die Industrien der Zukunft, sondern ist eher Alimentierung für die Großindustrie der Vergangenheit. Think about it.
Was kann die EU tun? Zunächst mehr Gewicht auf KMUs legen. Europa braucht einen eigenen Small Business Act mit verpflichtenden Quoten für öffentliche Aufträge wie in den USA. Dies sollte jedoch nur eine Maßnahme von vielen sein, um die europäische KMU-Landschaft zu stärken: Wir brauchen nicht nur ein 28. Regime (EU Inc.), sondern auch harmonisierte Bürokratie in allen 27 Mitgliedstaaten. Wir brauchen einen integrierten Kapitalmarkt, damit Startups Finanzierung in Europa finden können, anstatt in die USA abzuwandern. Wir sollten sicherstellen, dass keine neuen Gesetze verabschiedet werden, die KMUs im Vergleich zu Großunternehmen benachteiligen. Und wir sollten die EU-Förderung für Forschung und Innovation neu ausrichten, sodass KMU-Ausschreibungen nicht länger die Ausnahme, sondern die Regel sind.
Meine Schwerpunkte
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Innovation
Die EU rühmt sich ihres Projektansatzes in der Forschung: mindestens 3 Partner aus 3 Ländern, Arbeitspakete, Aufgaben, Meilensteine, Deliverables. Alle Berichte geschrieben, aber keine Innovation? Ist ok. Breakthrough-Innovation, aber kein Folgeprojekt oder keine Finanzierung, um sie auf den Markt zu bringen? Neuen Antrag stellen, ein Jahr warten, ob es Geld gibt, oder gleich ins Silicon Valley gehen. Als Vergleich der Inflation Reduction Act der USA, der Investitionen in grüne Technologien einfach von den Steuern abziehen lässt. Europa kann es besser - wir brauchen ein Modell, das Innovation fördert, statt sie in bürokratische Schemata zu pressen - für KMU als auch für die Wissenschaft.
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Integration
Die Idee der EU war sicherlich nicht, dass es 27 verschiedene Arten geben sollte, Steuererklärungen, Gehaltsabrechnungen, Mehrwertsteuererklärungen usw. auszufüllen. Wir brauchen einen robusten Binnenmarkt, der externe Schocks wie Trump-Zölle abfedern kann. Das funktioniert nur, wenn nationale Regierungen Harmonisierung unterstützen statt sie zu blockieren. Die allgegenwärtige Bürokratieabbau-Rhetorik könnte bereits Wunder wirken, wenn ein KMU in jedem Mitgliedstaat eine Tochtergesellschaft eröffnen und überall exakt dieselben Erklärungen abgeben könnte. Interne Handelshemmnisse entsprechen angeblich 44 % Zöllen bei Waren und unglaublichen 110 % bei Dienstleistungen. Low hanging fruits - vorausgesetzt, es gibt den politischen Willen zur Integration.
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Interoperabilität
Offenheit, Transparenz und Interoperabilität für KMUs fördern statt Standards aufzuzwingen. Standards werden meist von den einflußreichsten Akteuren definiert. Zum Nachteil aller anderen Marktteilnehmer. Ein Beispiel: Es mag nützlich erscheinen, Englisch als alleinige Sprache in Europa zu forcieren – aber was ginge verloren, wenn Katalanisch nicht mehr gesprochen würde? Oder Spanisch? Unsere Kultur, unsere Diversität und unser Esprit. Sprachen ermöglich aber auch Interoperabilität: Grammatik und Vokabular sind frei zugänglich. Warum also nicht Interoperabilität in Form von Übersetzungssoftware fördern, die allen zugänglich ist, anstatt alle zum Englischsprechen zu zwingen?
Relevante Blog Posts
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Innovation oder Bürokratie?
(Sven Franck, )
Vor ein paar Monaten habe ich ein Projekt beim Europäischen Verteidigungsfonds eingereicht. Unser Konsortium aus KMUs hat die Qualitätsbewertung mit exzellenter Punktzahl für Innovation bestanden. Da aber nur ein Projekt finanziert wird und nicht das beste Projekt waren, war unser Projekt "good for funding" aber ohne Finanzierung. Artikel lesen.