Europäische Medien sind so abhängig von US Politik wie wir von sozialen Netzwerken

The Show must go on... Echt jetzt? (Photo: Reuters)
The Show must go on... Echt jetzt? (Photo: Reuters)

Blog post, 25/02/2025, von Sven Franck (en français, in english) -

TL;DR – Gestern hielt der US-Präsident um 3 Uhr morgens seine Rede zur Lage der Nation. Perfekt - denn ich schlafe lieber, als mir eine weitere Folge aus der Twilight Zone anzuhören. Weniger perfekt ist der Platz, den europäische Median Donald Trump heute Morgen einräumen. Wenn wir Europa auf Augenhöhe mit den USA bringen wollen, sollten unsere Medien dann nicht den Fokus auf diejenigen Ereignisse legen, die bei uns zu Hause eine Rolle spielen? Es ist ja nicht so, als gäbe es hier kein Drama...

Drama? Welches Drama?

Meine Titelseite heute wäre: Die Ukraine verteidigt sich im vierten Jahr immer noch heldenhaft, während der EU-Rat weiterhin schwach bleibt... Ungarn blockiert das 90-Milliarden-Euro-Hilfspaket für die Ukraine, nachdem Belgien, Frankreich und Italien die Nutzung von 300 Milliarden Euro russischer Vermögenswerte blockiert haben ... Die Kommission tendiert dazu, die Europäische Bürgerinitiative „MyVoice MyChoice“ abzulehnen – und untergräbt damit das Prinzip, Bürgerinnen und Bürgern eine Stimme in der europäischen Gesetzgebung zu geben. Drama genug? Ich habe noch mehr.

Meine Seite 2: Während Marine Le Pen auf das Urteil zu ihrer Berufung gegen die Nichtzulassung zur Präsidentschaftswahl 2027 wartet, haben bislang fast 60 Kandidatinnen und Kandidaten angedeutet, für das Amt des französischen Präsidenten kandidieren zu wollen ... In Polen hat der neu gewählte Präsident Karol Nawrocki die Reform der Regierung blockiert, die die Ernennung von Richtern frei von politischem Einfluss machen sollte ... In Deutschland wurde ermittelt, dass die rechtsextreme AfD systematisch Familienangehörige von gewählten Abgeordneten beschäftigt ... und Ungarn lebt im Multiverse: regierungsnahe Meinungsforschungsinstitute prognostizieren einen Sieg von Viktor Orbán bei den Wahlen im April, während unabhängige Institute einen Sieg des Oppositionsführers Péter Magyar vorhersagen.

Europa kann Drama. Aber es schafft es selten in die Headlines. Wenn ich mir das Eurobarometer anschaue, frage ich mich, ob die europäischen Bürgerinnen und Bürger nicht bereit für mehr europäische Nachrichten sind. Ich jedenfalls würde sehr gerne wissen, was um mich herum passiert, wie es mein Leben beeinflusst und wie ich darauf Einfluss nehmen kann. Ich habe großen Respekt vor den First Movern: Euractiv, l’Europe und nationalen Zeitungen, die europäischer werden – wie L’Express oder Denník, das EUobserver übernommen hat. Für sie und für alle anderen habe ich einen Vorschlag:

Macht den 9. Mai zu einem europäischen Nachrichtentag!

Wie wäre es, wenn am 9. Mai alle Medien Europa ins Rampenlicht stellen? Nur für einen Tag: die USA kommen neben Indien und China auf Seite 27 – und Trump ins Feuilleton oder in die Comic-Spalte. Für alle, die sich europäisch fühlen – und wir sind viele – gebt uns die Nachrichten, die für uns relevant sind. Mehr Sánchez, weniger Vance. Mehr Kubilius, weniger Hegseth. Ich möchte wissen, was auf meinem Kontinent geschieht.

Man kann sogar ein Geschäftsmodell daraus machen: Wer erinnert sich an die Starterkits mit den Euro-Münzen? Wenn 27+ Medienhäuser am 9. Mai eine koordinierte europäische Ausgabe herausgeben würden, würden sie schnell zu Sammlerstücken und wären im Nu ausverkauft. Mit einer Umfrage, ob die Leserinnen und Leser mehr Europäische News wollen – gewinnt man vielleicht sogar neue Abonnenten, die den US Slop nicht mehr ausstehen können und sich nach guten alten europäischen Nachrichten sehnen.

Was haltet ihr von der Idee? Schreibt mir, wenn ihr helfen wollt. #jumpstartEU.